Die Reeperbahn auf einen Blick.

Reeperbahn. Heilsarmee

"Gott ist nichts unmöglich"

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Jesus lebt: Heilsarmee auf dem Kiez.
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Die Schrift ist schwarz, der Untergrund orange: Auffälliger können Schilder nicht sein. „Jesus lebt“ und „Jesus in St. Pauli“ steht über dem Eingang des Hauses Talstraße 9 der Heilsarmee. Dort haben wir Christine Schollmeier besucht: Eine weitere Folge unserer Serie „Originale auf St. Pauli“.

Die Geschichte klingt nahezu unglaublich. Da verläßt eine Engländerin ihre Insel und kommt nach Deutschland, weil deutscher Kaffee der Inbegriff des Genusses für sie ist. Dabei weiß doch jeder, dass Engländer nur Tee trinken. Nicht so Heilsarmee-Majorin Christine Schollmeier. Um die geht es nämlich in unserem Portrait. „Aber ich bin auch wegen der deutschen Sprache gekommen, wollte in Köln Germanistik studieren. Das war 1966,“ erzählt Christine Schollmeier schmunzelnd. Wir sitzen auf einer gemütlichen blauen Polstergarnitur in ihrem Wohnzimmer - und trinken übrigens eine Tasse Tee zusammen.

Heilsarmee auf der Reeperbahn. Talstraße

Um das Studium finanzieren zu können, nahm die junge Engländerin eine Stelle als Sekretärin an der Universität an, suchte sich ein Zimmer in der Domstadt. Sie hatte genau 50 englische Pfund in der Tasche, denn mehr durfte man damals laut Devisenbestimmung nicht mit über den Kanal nehmen. Das Geld war schnell für Bettwäsche und Blumen ausgegeben. „Macht ja auch nichts, dachte ich. Denn ich ging davon aus, dass genau wie in England mein Sekretärinnen-Lohn wöchentlich ausgezahlt wird.“ Wurde er aber nicht, sondern monatlich, und zwar nachträglich. So konnte die gerade 18jährige ihre Zimmermiete nicht bezahlen. Und saß prompt auf der Straße. „Ich hatte mich in England anlässlich einer Evangelisation zu Jesus bekehrt. Also ging ich jetzt in die nächste Kirche und betete für ein Zimmer. Als ich aus der Kirche kam, sah ich eine Telefonzelle. Und fand die Nummer der Heilsarmee, die mich dann aufgenommen haben. Ich bin also durch eigene Dummheit zur Heilsarmee gekommen. Das können Sie ruhig so schreiben.“

Dabei war es ein Sonnabendnachmittag, und in der Kölner Zentrale der Heilsarmee war längst keine Geschäftszeit mehr. „Aber Gott hat es gut mit mir gemeint. Eine Mitarbeiterin hatte noch etwas aufzuarbeiten und ist deshalb länger geblieben.“ Christine Schollmeiers Weg in der Heilsarmee begann. Sie ging zwar am Sonntagmorgen zunächst noch in die anglikanische Kirche in Köln. „Aber abends zog es mich einmal in die Heilsarmee-Versammlung. Ich fand es erst ganz schrecklich. Kein Orgelbrausen, keine Liturgie, keine feierliche Stimmung.
Es war für mich völlig neu.“

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Tee aus blauer Kanne: Christine Schollmeier erzählt.
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Trotz der anfänglichen Distanz fand sich Christine Schollmeier schon am nächsten Sonntagabend wieder im Heilsarmee-Gottesdienst. Und wollte sie ursprünglich nur ein Jahr zum Sprachenstudium in Deutschland bleiben, so kam es auch hier ganz anders. „Ich bin nie wieder nach Großbritannien zurückgezogen.“ Denn auf der Heilsarmee-Ausbildungsschule lernte sie „den schmucken Heilsarmee-Leutnant“ Rudolf Schollmeier kennen. Man verlor sich zwar kurzfristig wieder aus den Augen. Aber 1970 heirateten die beiden.

Da die Heilsarmee nach dem Sendungsprinzip arbeitet, sind die Schollmeiers schon weit herumgekommen. Über Solingen und Berlin ging es 1978 erstmals nach St. Pauli in die Talstraße 15. Dieser erste Hamburgaufenthalt endete abrupt 1990 nach der Wende, als die Heilsarmee auch in den neuen Bundesländern aktiv werden konnte. Das Ehepaar Schollmeier wurde nach Berlin geschickt, ehe es wieder in die Rhein-Ruhr-Gegend zurückging. Seit 1997 sind sie wieder auf St. Pauli. Inzwischen sind Christine und Rudolf Schollmeier zuständige Majore für ganz Norddeutschland von Flensburg bis Bielefeld. „Innenrevision, Schulungen, Kontakte, Betreuung der Mitarbeiter vor Ort, das sind einige unserer Aufgaben. Morgen müssen wir beispielsweise nach Kiel. Mein Mann prüft die Bücher, ich kümmere mich um den Frauenkreis, und dann besichtigen wir noch eine Wohnung, die angemietet werden soll,“ umreißt Christine Schollmeier einen Arbeitstag.

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Jesus rettet! Heilsarmee-Korps Hamburg um 1925 in der Talstraße.
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Schollmeiers sind zwar Mitglieder der Heilsarmee-Gemeinde in der Talstraße, gleichzeitig aber auch sozusagen Vorgesetzte dieser Gemeinde und des diakonischen Missionsteams, das für die Obdachlosenarbeit zuständig ist und dessen rotgekleidete junge Leute ein bekanntes Bild im Quartier sind. Sonntags werden in der Talstraße zwei Gottesdienste um 10.30 Uhr und um 17.30 Uhr gefeiert. „Vormittags kommen die Gemeindemitglieder. Nachmittags ist es eher etwas für Neue. Wir führen zum Beispiel Sketche und Interviews auf. Außerdem bieten wir sonntags eine Kaffeerunde für Obdachlose an. Für Leute, die kein schönes Zuhause mit Jacobs Krönung haben.“ Womit wir wieder beim Thema Kaffee wären. „Heutzutage in einer mediengesättigten Welt muss man den Leuten schon einiges bieten, um sie hinter dem Ofen hervorzulocken. Gerade hier an der Reeperbahn ist die Sozialarbeit quasi wie ein Heftpflaster, dass man auf ein Krebsgeschwür klebt. Wir haben in letzter Zeit beispielsweise bemerkt, dass unsere Essenszeiten für Obdachlose weniger besucht werden. Aber das Team sieht das positiv. So haben sie mehr Zeit für den Einzelnen.“ Denn die Heilsarmee bietet sehr praktische Lebenshilfe an. „Wir wollen die Hilfesuchenden schließlich nicht nur abfüttern und mit Klamotten versorgen. Wir wollen auf die Wurzel des Übels blicken. Also, warum hat der Mann seine Frau verhauen, warum wird so viel gesoffen.“

Dabei wohnen die Schollmeiers bewußt mitten auf St. Pauli: „Wir wollen doch nicht in den Elbvororten leben und dann mit erhobenem Zeigefinger in die Stadt kommen.“ Heiliges Moralisieren ist in der Tat nicht die Sache der Schollmeiers. Dennoch brauchen auch diese beiden gestandenen Salutisten zumindest gelegentlich Geschehnisse wie das, was mir Christine Schollmeier anschließend berichtet. Nämlich die Geschichte eines Mannes, der einst als Bettler auf der Reeperbahn saß, dann Kontakt mit der Heilsarmee bekam, hier regelmäßig zum Essen kam, sich bekehrte, heiratete, in seinem erlernten Beruf wieder Fuß fasste und heute sogar Schöffe in Hamburg ist. „Manchmal tut es gut zu erleben, dass Gott wirklich nichts unmöglich ist. Essen füllt den Magen für einen Tag, die Bekehrung aber ist etwas für die Ewigkeit.“

Rüdiger Dohrendorf

Quelle: steg-hh.de


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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